Der Jackintosh: als der Atari ST der bessere Mac war – Teil 4

 

Jack Tramiel Atari Falcon Illustration von Martin Karcher

Das Jahr des Falken

Als der TT 1990 auf den Markt kam, konnte er mit seinem Preis von 7500,– DM dem Mac im Profi-Bereich noch Konkurrenz machen – für den Privatanwender, der sich immer öfters für einen PC entschied, war er eindeutig zu teuer. Als Atari erkannte, den Home-Bereich vernachlässigt zu haben, war es zu spät. Dennoch versuchte Atari, verloren gegangenes Terrain zurückzugewinnen und brachte 1992 kurzfristig, aber kaum noch beachtet, einen Rechner heraus, der theoretisch in der Lage gewesen wäre, die Herzen der Fans höher schlagen lassen: den Atari Falcon 030. Mit einem mit 16-32 MHz getakteten 68030-Prozessor, ein bis auf 14 MB intern erweiterbares RAM, true-color-Grafik, beeindruckenden Sound-Eigenschaften und einer internen 2,5-Zoll-Festplatte bot er alles, was dem ST und TT gefehlt hatte. Der Rechner erschien im klassischen, etwas dunkler gefärbten ST-Kompakt-Gehäuse und war bewusst als Homecomputer konzipiert – aber sein Preis von knapp 2500,– DM ohne Monitor war nicht mehr konkurrenzfähig. Zum selben Preis erhielt man inzwischen einen 386er PC mit vergleichbaren Hardware-Fähigkeiten und sogar einer grafischen Benutzeroberfläche: Windows 3.0.

So gelungen der Falcon auch war, er sollte Ataris letzter Rechner werden und gleichzeitig ein Exot bleiben: er war nur etwa ein halbes Jahr im Handel erhältlich, weltweit wurden Schätzungen zur Folge nur zwischen 14 000 und 30 000 Exemplare des edlen „Falken“ verkauft. Ende 1992 spielte Atari auf dem Computermarkt so gut wie keine Rolle mehr: neue Software war kaum noch zu bekommen, die Atari-Fachzeitschriften verschwanden nach und nach vom Zeitungskiosk. Nicht ganz unerwartet, aber dennoch für viele überraschend zog sich Atari im Dezember 1993 mit allen Computer-Modellen vom Markt zurück und konzentrierte sich auf die Vermarktung ihrer Videospiel-Konsole „Jaguar“ – erfolglos. Das Ende kam leise: 1996 verkündete eine Notiz in der PC-Fachpresse, dass die Atari Corporation vom Festplattenhersteller JTS aufgekauft worden war. Atari war Geschichte.

Aber Atari hatte selbst Geschichte geschrieben.

Die Home-Computer-Ära der 80er Jahre hat eine Generation geprägt: jeder Rechner war nicht einfach irgendein Computer – er hatte einen eigenen Charakter. Mehr noch, er war ein Freund, er stellte ein Familienmitglied dar, das vehement gegen Angriffe der Gegenseite in Schutz genommen wurde: ein C64-Freak hielt eisern zu seinem C64, wenn es galt, ihn gegen die Argumente des CPC- oder Atari XL-Lagers zu verteidigen, warum ihr Rechner ja eigentlich schon immer der bessere gewesen sei. Für den „Atarianer“ war sein ST der beste Rechner der Welt, mit Amiga-Fans setzte man sich erst gar nicht an einen Tisch.

Der Atari ST war – wie auch der Commodore Amiga – ein Übergangsrechner, der eine neue Zeit einläutete: selbst noch als klassischer Home-Computer angelegt, schloss er die Lücke zwischen diesen und den unerschwinglichen Profi-Rechnern. Er half mit, den PC-Markt dazu zu zwingen, die Rechner anwenderfreundlicher und günstiger zu machen und er half mit, Apple zu zwingen, Abschied von den astronomischen Preisen ihrer Rechner zu nehmen. Damit jedoch hat der ST gleichzeitig sein eigenes Grab geschaufelt: er hat dazu beigetragen, dass die Ära der Home-Computer – und somit seine eigene Ära – zu Ende geht.

 

Violet Blue Interview mit Jack Tramiel Illustration von Martin Karcher
Auch YouTube hat Jack Tramiel noch miterlebt: im Jahr 2007 gibt er der Bloggerin Violet Blue auf einer Ausstellung anlässlich des 25. Geburtstags des Commodore 64 eines seiner letzten Interviews. (Klick auf das Bild öffnet das YouTube-Video)

 

Es ist überraschend viel geblieben: das Internet verhalf der verbleibenden Atari-Fangemeinde zu einer Renaissance. Heute existieren mit Steem, Hatari und Aranym Emulatoren, die es auf jedem PC oder Mac erlauben, jedes gewünschte ST-Modell nahezu perfekt zu simulieren. Auf Portalen wie emuparadise.org kann in umfangreichen Archiven „historische“ Software gefunden werden, sowohl Spiele als auch Anwendersoftware. Wie lebendig die Szene ist, lässt sich daran erkennen, dass sogar nach wie vor neue Software entwickelt wird: mit EmuTOS und FreeMint stehen Open-Source-Weiterentwicklungen des ursprünglichen TOS zur Verfügung, auch das legendäre GFA-Basic liegt in einer aktuellen Version vor. Und wer möchte, kann sich sogar für 560,– EUR einen neu entwickelten Atari-kompatiblen Computer kaufen: „Firebee“ heißt der Rechner, in Anspielung auf die Biene, in der sich der Mauszeiger des Atari ST verwandelte, wenn der Rechner mal wieder beschäftigt war. Überhaupt scheint das sich das Thema „Retro-Computing“ inzwischen zu einem richtigen Markt zu entwickeln. Das Retro-Computermagazin „Return“ zumindest ist nicht mehr ausschließlich online, sonder bei immer mehr Zeitschriftenhändlern erhältlich.

Ach ja: mein erster 1040er existiert übrigens noch. Um ganz genau zu sein: es ist nicht mehr mein Ur-STF, denn der hat den Einbau einer 2,5 MB RAM-Erweiterung im Jahr 1993 leider nicht ganz unbeschadet überlebt. Ein freundlicher Computerbastler hat mir jedoch damals eine Reparatur angeboten und mir übergangsweise seinen ausgedienten 1040 STE als Ersatz mitgegeben („den braucht hier keiner mehr“). Die Reparatur ist nie fertig geworden und seinen STE hat der Bastler bis heute nicht zurückgefordert. Inzwischen hat der STE sogar 4 MB RAM bekommen, die SIMMs stammen aus aus einem alten Siemens 386er. Der kleine Atari scheint sie gut vertragen zu haben – denn er läuft immer noch…