Der Jackintosh: als der Atari ST der bessere Mac war – Teil 3

Jack Tramiel Madonna Illustration von Martin Karcher
Aufgrund der eingebauten MIDI-Schnittstelle konnte sich der Atari ST in vielen Tonstudios als Standard durchsetzen. Ende der 80er Jahre setzten viele Musiker auf den ST – darunter Queen, Depeche Mode und Madonna.

 

Ab 1987 gelang es Atari sogar, Apple in einem Bereich Konkurrenz zu machen, der bis dahin als exklusiver Mac-Anwendungsbereich galt: dem Desktop-Publishing. Mit dem Mega-ST legte Atari eine ST-Variante nach, die auch professionellsten Ansprüchen genügte: er verfügte über ein Desktop-Gehäuse mit abgesetzter Tastatur, bis zu 4 MB RAM, extern erhältliche Festplatten mit bis zu 60 MB, einen 19-Zoll-Großbildschirm und Laserdrucker. Mit dem Programm „Calamus“ lieferte die Softwarefirma DMC ein Programm, das im Funktionsumfang den Mac/PC-Profi-Programmen „Aldus Pagemaker“ oder „Ventura Publisher“ ebenbürtig war. Atari nahm den Profi-Bereich in Angriff und bot ein DTP-Komplettpaket für unter 6000,– DM an. Für den Privat-Benutzer nicht mehr realistisch, aber für Profis eine Alternative zu einer vergleichbaren Mac-Anlage, die eine Investition von mindestens 20 000,– DM darstellte. Der DTP-Markt reagierte schnell, viele Repro-Studios boten Belichtungsservice nun auch für Calamus-Dokumente an. Vor allem auf dem deutschen Markt wurde Atari um 1989/90 zur ernsthaften Konkurrenz für Apple.

Ein weiterer Grund, warum der professionelle Bereich immer öfters auf Atari setzte, war darin begründet, dass Atari bereits 1987 einen „Super-ST“ angekündigt hatte: ein 32-Bit-Rechner mit Motorola 68030-Prozessor und 16 MHz Taktfrequenz, damit dem Apple-Top-Modell „Macintosh II“ überlegen, aber für die Hälfte des Preises, sollte die ST-Produktpalette nach oben hin erweitern – „Power without the price“, wie es der Atari-Claim auf den Punkt bringen sollte. Gleichzeitig steckte Apple Ende der 80er Jahre in der Krise. Steve Jobs hatte das Unternehmen verlassen, die Macs verkauften sich schleppend, Apple schaffte es nicht, die Preise entscheidend zu senken: für viele blieb ein Mac nach wie vor buchstäblich ein Traum-Computer. Die Zeichen standen gut für Atari – zunächst.

 

Felix Magath Atari ST Werbung Illustration von Martin Karcher
Vermutlich ein Grund, warum es beim Hamburger SV Ende der 80er Jahre noch besser lief: der neue Manager Felix Magath setzte voll auf den Atari ST – so vermittelte es zumindest eine Magazin-Anzeige.

 

Denn mit dem „Super-ST“ hatte Jack Tramiel genau den Rechner angekündigt, der später hauptsächlich mit dem Scheitern von Atari in Verbindung gebracht wurde. Der Atari „TT“ war zwar der versprochene „Super-ST“ und kam sogar mit 32 MHz Taktfrequenz statt der ursprünglich versprochenen 16 MHz auf den Markt – aber er kam zu spät. Auf der CeBit 1988 konnte das Presse-Publikum zwar einen Prototypen bestaunen, doch es sollte noch ganze zwei Jahre dauern, bis der Atari TT030 im Frühjahr 1990 zum Preis ab 7500,– DM in den Läden stand. In diesen zwei Jahren „vertröstete“ Atari den Markt zwar durchaus mit neuen Modellen (STE und Mega-STE), doch waren dies lediglich leicht verbesserte ST-Modelle und nicht der erhoffte Quantensprung. Die großen Messe-Sensationen blieben aus.

Gleichzeitig bekam Atari ab ca. 1989 ernsthafte Konkurrenz von „oben“: zwar nicht so sehr von Apple, obwohl auch hier die Preise gesenkt wurden und neue Low-Budget-Modelle erschienen („Mac Classic“), aber viel mehr noch aus dem PC-Bereich: hier stellte sich ein regelrechter Preissturz ein. Die so genannten „Kaufhaus-PCs“ waren IBM-kompatible Rechner, die zwar von ihren technischen Daten her sogar dem damals kleinsten ST-Modell unterlegen waren, dafür boten sie zu einem Preis von teilweise unter 2000,– DM das Betriebssystem MS-DOS – den „Industrie-Standard“, wie es die Werbung anpries.

Beim Kampf gegen diesen PC-Preissturz wurde Atari einerseits sein immer noch aus alten VCS-Videospiel-Tagen verbreitetes Image als Spielefirma zum Problem – wohingegen ein PC, auch wenn er noch so dürftig ausgerüstet war, als Profi-Maschine galt. MS-DOS kam zwar im Vergleich zum TOS des Atari aufgrund seiner fehlenden grafischen Benutzeroberfläche nicht nur recht angestaubt daher, es war auch alt – aber darin bestand gleichzeitig sein Vorteil: es ermöglichte einerseits den Einstieg in einen lang etablierten Software-Markt, andererseits war es ein Betriebssystem, das seit Jahren kontinuierlich weiterentwickelt wurde und daher recht stabil lief – und damit genau die Achillesferse des Atari ST traf.

Das Betriebssystem „TOS“ des Atari ST war für die damalige Zeit ein leistungsfähiges System mit integrierter grafischer Benutzeroberfläche GEM – die übrigens auch für den PC erhältlich war – und darüber hinaus als ROM-Speicher in der Hardware fest verankert, es musste also nicht wie beim PC bei jedem Neustart von Disk geladen werden. Aber es war alles andere als ausgereift. Als der ST 1984 in der Entwicklung war, drängte die Zeit, und die war von Atari hauptsächlich in die Entwicklung der Hardware investiert worden. Die für die Software zuständigen Entwickler bekamen den fertigen Prototypen wenige Wochen vor der Veröffentlichung und mussten in Windeseile ein Betriebssystem entwickeln, das hohen Ansprüchen genügen musste und die vorhandene Hardware ausnutzen sollte. Gleichzeitig durfte es vom Umfang her nicht größer werden als 192 Kilobyte, sonst hätte es nicht mehr auf die bereits eingeplanten ROM-Speicherchips gepasst.

Das System wurde also „mit der heißen Nadel gestrickt“ und beinahe hätte man den anvisierten Veröffentlichungstermin im Januar 1985 nicht einhalten können – tatsächlich waren bei den ersten ST-Modellen die ROM-Chips noch nicht fertig, das Betriebssystem wurde von Diskette geladen. Das TOS, das damals in Serie ging, würde heute vermutlich nicht den „Stable“-Status eines Release-würdigen Programmes erreichen. So ließ sich erklären, dass Programm- und Systemabstürze beim ST zum Alltag gehörten – charmant durch Bomben (bei der TOS-Urversion „Mushroom“ gar als Atompilze) auf dem Bildschirm angekündigt. Was im Consumer-Bereich zwar ärgerlich, aber den Entwicklern vertretbar schien – im Business-Bereich schaffte man so kein Vertrauen.

Das TOS wurde zwar in der Folgezeit weiterentwickelt, doch die Update-Häufigkeit konnte sich nicht mit heutigen Standards messen: das erste TOS-Update erschien nach über einem Jahr, bis zum zweiten vergingen sogar weitere zwei Jahre. Die gröbsten Schnitzer wurden so zwar beseitigt, jedoch war das System auch dann noch alles andere als stabil und die neuen Updates schafften ihrerseits teilweise Inkompatibilitäten mit bereits existierender Software. Dies führte im Laufe der Zeit zu dem Eindruck, dass der Atari ST zwar leistungsfähige Hardware bot und auch die Software professionellen Ansprüchen genügen konnte – seine Unzuverlässigkeit jedoch verwehrte ihm den wichtigen Durchbruch im Business-Bereich.

 

Lesen Sie mehr in Teil 4: Wie der erhoffte Traum-Computer doch noch erschien, Atari dennoch scheitern musste und gleichzeitig Computer-Geschichte schrieb…